Zur Geschichte der Neumannmühle

(Prof. Dr. Alfred Meiche 1927)

NeumannmuehleGenau an der Stelle, wo der große Zschand mit dem Kirnitzschtale zusammentrifft, liegt die Neumannmühle oder, wie sie im Volksmunde heißt, die Sephmühle; genannt nach einem früheren Besitzer zu Anfang des 19. Jahrhunderts mit Namen Joseph Neumann.
Auch sie blickt auf ein ehrwürdiges Alter zurück, obwohl von ihr nur sehr spärliche urkundliche Belege vorhanden sind. Meiche schreibt: "Die Neumannmühle bezeichnet Götzinger (Schandau und seine Umgebung, 1804) als Friedrichsmühle. 1817 ist Joseph Neumann Brettmüller zu Ottendorf; daher Sephsmühle."
Das diese Mühle auf der örtlichen Karte nicht zu finden ist, beweist durchaus nicht, das sie zu jener Zeit noch nicht bestanden habe. Als kleine Mühle, die sie ja heute noch ist, hat man sie wahrscheinlich weggelassen.
Die Bauart des Mühlengebäudes deutet auf ein hohes Alter hin. Die Neumannmühle ist wahrscheinlich die einzige Mühle im Kirnitzschtal, die heute noch annähernd ihre ursprüngliche Gestalt zeigt. Nach den Angaben der jetzigen Besitzer (Gebrüder Neumann) weiß man in der Familie nichts von einem jemaligen Brande der Mühle, wohl aber von dem der Buschmühle.

Seit 1791 ist die Mühle laut Familienurkunden ununterbrochen im Besitze der Familie Neumann. Sie ist von jeher Schneidemühle gewesen, seit 1870 betreibt man auch Holzschleiferei (Wasserkraft 15-18 PS). Schankgerechtigkeit hat nie auf der Mühle gelegen. Die unmittelbare Nähe der Busch- und Felsenmühle, die mit Gastbetrieb verbunden sind, hat dies wohl als unrentabel erscheinen lassen; auch waren die Gebäude vielleicht zu klein. Die Neumannmühle liegt malerisch im Tale eingebettet; besonders von der Felsnase am Eingange des Zschandes ergibt sich ein reizender Anblick.
Wenn auch aus der Entstehungszeit dieser Mühle keine urkundlichen Belege vorhanden sind, so gibt uns doch die in der Familie Neumann besonders liebevoll gepflegte mündliche Überlieferung manchen wertvollen Hinweis auf die Vergangenheit der Mühle. Besonders der Vater, der jetzige Besitzer, war ein vorzüglicher Kenner der Gegend und ihrer Schiksale. Mit wahrem Forschereifer sammelte er alles Wissenswerte über seine Heimat, und es ist nur zu bedauern, das er sein reiches Wissen nicht zu Papier gebracht hat. Nach seinen Erzählungen gestaltet sich die Geschichte seiner Mühle etwa folgendermaßen:
Schon im 14. Jahrhundert (?) soll an der Stelle der heutigen Neumannmühle eine kleine Schneidemühle gestanden haben. Der Raubritter von Winterstein (in der Nähe des Zeughauses) soll hier bei der Mühle aus einem Brunnen, an dem eine mächtige Erle gestanden hat, sein Trinkwasser geholt haben. Die Straße im Großen Zschand, ein uralter Zufahrtsweg nach Böhmen, ist in früheren Jahrhunderten ein armseeliger Fußweg gewesen*). Wo heute die steinerne Bogenbrücke die Kirnitzsch überspannt, war ursprünglich ein einfacher Holzsteg, später dann eine fahrbare Holzbrücke. Die jetzige Steinbrücke stammt aus dem Jahre 1847. In der Mühle sind schon seit Jahrhunderten Bretter und Balken geschnitten wurden. Da es aber in alten Zeiten keinerlei Abfuhrstraße von dieser Mühle gab, mußten die Mühlburschen die Bretter auf der Schulter über die so genannten Folgen (der steile rechte Berghang) und dann über den Vogelberg bis zur Höhe von Ottendorf tragen, von wo aus sie dann meist mit Kuhfuhrwerk nach Sebnitz gebracht wurden.
*) Das stimmt nicht ganz; denn durch den vorderen Teil dieses Felsentales führte schon im Mittelalter die Handelsstraße von Postelwitz nach Sebnitz.
Die Mühlenbewohner im einsamen Kirnitzschtal lebten in der Hauptsache von Wild und Forellen. Letztere spendete die Kirnitzsch in überreichen Mengen, und das Wild wußte man sich eben zu beschaffen, bis später die sächsischen Kurfürsten strenge Gesetzte gegen das Wildern erliesen. Es ist verständlich, das die Bewohner dieser Waldgegend noch lange nachher versucht haben, die Gesetze zu umgehen. Konnten sie doch durchaus nicht verstehen, das auf einmal alles das, was ihnen der Wald jahrhundertelang zum Lebensunterhalt gespendet hatte, ihnen nicht mehr gehöhren sollte. Und wenn ein sehr jagdliebender und in der Durchführung seiner Jagdgesetze ganz besonders harter Kurfürst in der sächsischen Geschichte den mildklingenden Namen "Vater August" führt, so haben ihn die Bewohner der hinteren sächsischen Schweiz zweifellos mit ganz anderen Kosenamen belegt.
Wer jehmals die Akten über das Wildererwesen jener Gegend durchstöbert hat, weiß, das die Mühlen im Kirnitzschtal in alten Zeiten, gewollt oder ungewollt, oft in engen Beziehungen zum Wildererwesen gestanden haben. Und wer hätte es den Leuten in dieser weltentlegenen Wildnis verargen mögen, wenn sie von dem Wild, das damals in großen Mengen hier zu finden war, sich den Teil holten, den sie für ihren Lebensunterhalt benötigten?
Als dann später strengere Gesetze dem Wildfrevel steuerten, ihn aber durchaus nicht unterbinden konnten, da war es so, daß die berufsmäßigen Wilderer der Gegend ihre Beute meist in den entlegenen Talmühlen zum Kauf anboten, und wehe dem Müller, der es gewagt hätte, sich ablehnend zu verhalten. Alte Leute jener Gegend erzählen heute noch, daß die dunklen Waldgesellen mit der Ausführung der Drohung, den roten Hahn auf's Dach zu setzen oder nachts eine Kugel durchs Fenster zu jagen, schnell bei der Hand waren.
Oft erzählte der alte Neumann auch von dem mächtigen Waldbrande, der 1842 im Ottendorfer und Mittelndorfer Forstgebiet große Flächen Wald vernichtet hat. Gewaltige Feuersäulen sind weithin sichtbar gewesen. Und da die Leute der umliegenden Dörfer zum Löschen nicht ausreichten, mußten Häftlinge aus Hohnstein unter Aufsicht von Forstbeamten und Militär bei den Löscharbeiten helfen. Gewaltige Gewitterregen haben schließlich die Macht des verheerenden Elements gebrochen. Das angekohlte Holz, das noch einigermaßen verwendbar war, wurde auf der Kirnitzsch nach Schandau geflößt.
Dies sind einige Proben aus dem Schatze der Erinnerungen eines alten Müllers, der seine Umwelt mit offenen Augen und klahrem Kopfe betrachtete. Mag vielleicht manches aus seinen Erzählungen den Ergebnissen einer exakten Geschichtsforschung nicht ganz standhalten, so darf doch keineswegs das, was sich in mündlicher Überlieferung von Geschlecht zu Geschlecht forterbt, als wertlos beiseite geworfen werden. Ein Körnchen Wahrheit lässt sich immer herausschälen. Diese volkstümliche Heimatwissenschaft muß im Gegenteil ermutigt werden.

PS. Seit dem 08. Juno 1996 ist diese Mühle als Technisches Denkmal, Gaststätte und Beherbergung für die Öffentlichkeit zugänglich!
 
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